COIL - Wegweiser in andere klangliche Dimensionen



Diese nach wie vor wegweisende und anderen Gruppen um Lichtjahre vorauseilende Band gehört nicht nur zu den Pionieren der Klangcollagen, sie beweist auch in anderer Hinsicht erstaunliches. Während bei den meisten Bands die Veröffentlichungen im Laufe der Jahre abnehmen, zeigen COIL gänzlich entgegengesetzte Ambitionen - alle seit der Gründung 1983 in London in die Welt gesetzten Tonträger mit sämtlichen Samplerbeiträgen und Nebentätigkeiten aufzuführen, würde nicht nur den Rahmen dieses Artikels, sondern vermutlich auch den Umfang dieser Ausgabe sprengen. Diese grade in letzter Zeit ansteigende Veröffentlichungsflut ist längst unüberschaubar geworden, dennoch weisen COIL bei ihrem enormen musikalischen Output aufgrund gleichbleibender Qualität bei stetiger Veränderung keinerlei Verschleißerscheinungen auf.

Ganz im Gegensatz zu den Veröffentlichungen hielten sich COIL lange Zeit mit Live-Aktivitäten zurück, lediglich vier Konzerte wurden 1983 und 1984 - damals noch unter dem Namen ZOS KIA/COIL - absolviert. Eindrücke dieser äußerst krachigen Periode kann man ausschnittsweise seit kurzem über die "Transparent"-CD erhalten, die unter dem Namen ZOS KIA/COIL mit ausführlichem Booklet erschienen ist. Dem darin enthaltenen COIL-Manifest von 1983 ist die Band bis heute im wesentlichen treu geblieben, sie spinnen weiter an ihrem ureigenen Universum aus "Khaos" und Zeitlosigkeit. Nachdem sich die Band danach nur noch auf Tonträgern ihrer stetig wachsenden Fangemeinde präsentierte, überraschten sie im letzten Jahr mit drei Live-Konzerten, zwei in der Londoner Royal Festival Hall, das dritte in Barcelona (Sonar 2000). Gemeinsamkeiten zwischen diesen Live-Perioden zu erkennen fällt schwer, sowohl Sound als auch Präsentation konnten unterschiedlicher nicht sein - allein die verstörende Wirkung auf die in andere Welten entführte Zuhörer war vergleichbar. Wer wie viele den Konzerten mangels rechtzeitig ergattertem Ticket nicht beiwohnen konnte, wird sicherlich demnächst mit einem entsprechenden Tonträger vertröstet werden - bei der schon an Besessenheit grenzenden Veröffentlichungswut kann ich mir anderes einfach nicht vorstellen.

Die Band besteht seit den Anfängen hauptsächlich aus John Balance und Peter Christopherson, wobei beide schon vor COIL auf Entdeckungsreise in Sachen Sound gegangen waren. Bereits in seiner Zeit bei THROBBING GRISTLE, die man wohl als Urväter des Industrial bezeichnen kann - ohne sie gäbe es jedenfalls nicht die Bezeichnung für diese Stilrichtung - experimentierte der 1984 zu COIL gestoßene Christopherson mit selbst konstruierten tape loops - woraus sich übrigens das entwickelte, was man heute als Sampling kennt. Der Gründungsvater von COIL, John Balance, war wie Christopherson zu dieser Zeit in der THROBBING GRISTLE - Nachfolgeformation PSYCHIC TV. Seine Stimme kennt der eine oder andere sicherlich auch von manchen CURRENT 93 Stücken, an denen er auch nach seiner Funktion als ein Gründungsmitglied gelegentlich noch mitwirkt. Ebenso erschien Balance auch auf einigen DEATH IN JUNE Platten - wer hieraus eine politische Motivation schlußfolgern will, hat nichts verstanden; einen weiteren Kommentar erspare ich mir. Neben einigen mehr oder weniger festen Begleitmusikern arbeiteten COIL darüberhinaus mit diversen bekannten Musikern wie MARC ALMOND oder dem Sänger der VIRGIN PRUNES zusammen - für Einzelheiten sei auf die Internetseite mit vielen links verwiesen.

Ihr Faible für homoerotische sowie magische Themen bewiesen COIL schon früh mit der 1984 erschienenden 12" "How to destroy Angels", die sich in einem das ganze Cover bedeckenden Begleittext als "Ritualmusik zur Ansammlung männlicher Sexualenergie" vorstellte und deren B-Seite "Absolute Elsewhere" zumindestens als obskur zu bezeichnen ist - in einer Pressung besteht das Stück aus einem etwa 17 minütigen Ton, in einer anderen ist es unspielbar... In völlig anderem Gewand stellen sich die Songs übrigens auf einem gleichnamigen CD-Remix-Release dar. Die folgende "Panic" 12" wies mit dem "Tainted Love"-Cover den wohl ersten COIL-Hit auf, der sich auf der CD_Wiederveröffentlichung des ersten Fulltime-Albums "Scatology" wiederfindet und dort mit den aktuellen Zahlen der an Aids Verstorbenen als einzigem Kommentar begnügt.

Das wohl bekannteste und beste Album erschien 1986 und sollte in keiner Sammlung fehlen: "Horse Rotorvator" mit dem nach wie vor durch die andersartigen Tanztempel geisternden Stück "Ostia(the death of Pasolini)", welches durch ein Sample von Grasshüpfern eingeleitet wird, welches auf der Azteken-Pyramide in Chichen Itza aufgenommen wurde - einem Ort zur Opferung junger Männer in Anspielung an die Ermordung des bekannten Filmemachers Pasolini durch einen Strichjungen.

Anfang der Neunziger spielten COIL mit diversen Tanzflächenelementen der aufkommenden Technoszene, welches sie in ihre Stücke integrierten und weiterentwickelten - das Hauptwerk dieser Periode - "Love´s secret domain" - wartet derzeit auf eine Wiederveröffentlichung. Nach diversen Ausflügen in ungewöhnliche Gewässer wieder Filmmusik - die von COIL für den ersten Hellraiser-Film geschaffenen Stücke waren jedoch etwas zu extrem für die Filmhersteller - oder diversen Werbejingles, was neben diversen Samplerbeiträgen auf den "Unnatural History Part 1-3" CDs erschien. Besonders hervorzuheben ist die Filmmusik zu "The Angelic Conversation", einem 1985er DEREK JARMAN Film über die Liebe zweier junger Männer in bizarren Bildern, deren klangliche Untermalung wie ein eigenes Kinowerk für den Gehörgang wirkt.

Auch in neuster Zeit bewegen sich COIL auf neuen Bahnen, ihr hardcore-minimalistisches Meisterwerk "time machines" versetzt den Hörer derart in andere Dimensionen, daß sich schon auf der COIL-Internetseite Berichte von Aussetzern nach dem Konsum des Albums finden lassen. Die vier überlangen tracks scheinen fast nur aus einem einzigen, sich stetig verändernden Ton zu bestehen, der jedoch über derart viele Ebenen verfügt, daß die Stücke die ganze Dauer über fesseln. Aufmerksamkeit erfordernde Tätigkeiten wie Autofahren sollte man übrigens erfahrungsgemäß tunlichst dabei unterlassen - nicht umsonst haben die 4 tracks Namen, die jeweils eine chemische Formel wiedergeben, die man im Anhang des Betäubungsmittelgesetzes unter den verbotenen Substanzen wiederfinden kann...

Bis dieser Artikel erschienen ist, wird nicht nur die Wiederveröffentlichung der vier genialen Jahreszeitenfeste(Equinox)-CDs erschienen sein sondern sicher noch das eine oder andere weitere Werk - zulegen sollte man sich am besten alles, was man davon in die Hand bekommt, da die Stückzahlen meist sehr limitiert und die Alben eigentlich ausnahmslos zu empfehlen sind.

Zuletzt noch eine Auswahl bisheriger COIL-Veröffentlichungen - mit Hauptaugenmerk auf unter diesem Namen erschienenen Tonträgern - die weit umfangreichere Komplettliste kann auf der unter genannten Homepage eingesehen werden, die man unbedingt besuchen sollte - auch wenn die kostenlosen "songs of the week" aufgrund von mißbräuchlichem Weiterverkauf seit geraumer Zeit eingestellt werden mußten. An diesem Netzauftritt sollten sich einige Bands ein Beispiel nehmen!



COIL - Moons Milk (In Four Phases) DCD

Magische Klänge der außergewöhnlichen Art könnte man fast schon als Markenzeichen für diese seit mehr als zwanzig Jahren jenseits aller gängigen Strukturen und weit vorauseilend auf dem Gebiet der avangardistischen Klangschöpfung tätigen Band COIL bezeichnen. In den Jahren 1997 bis 1998 schuf die aus der Industriallegenden THROBBING GRISTLE und PSYCHIC TV hervorgegangenen Londoner Gruppe um den Sänger John Balance und dem Geräuschkünstler Peter Christopherson, welcher in den siebziger Jahren einst die Loops durch das Basteln von Tonbandschleifen in die Musikkultur einführte, vier Minialben, welche im Jahre 2001 auf einer Doppel-CD mit dem Namen "Moons Milk (In Four Phases)" vereint und wiederveröffentlicht wurden.

Jedes einzelne dieser vier kurzen Alben wurde innerhalb eines ganzen Jahres, jeweils zwischen einem der Sonnenfeste erschaffen, für welches die Veröffentlichung gedacht war - angefangen mit der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche vom 20.03.199713:51 Uhr bis zum darauffolgenden gleichen Fest am 20.3.1998 um 19:40 Uhr, beginnend mit dem der Rerelease dem Namen gebendem Stück Moon´s Milk, fortgeführt mit der Sommersonnenwende und der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche von 97 bis 98, wovon letztere gerade mit dem Song "Amethyst Decievers" zu bestechen weiß, endend mit der Wintersonnenwende und dem Zeitraum vom 21.12.97 19:54 Uhr und dem 22.12.1998 1:43 Uhr. Einerseits bieten COIL auf den vier Tonträgern den unterschiedlichen Aspekten Tribut zollend unterschiedliche Momente und Gefühlsebenen, andererseits wirken die vier Werke auch wie aus einem einzigen Guß, so daß die Zusammenstellung auf einer einzigen CD nur folgerichtig war und als Kaufempfehlung hier unbedingt ausgesprochen wird.

Das Artwork ist wie bei vielen Veröffentlichung dieser Band ausgezeichnet und mitunter ähnlich hypnotisch in der Wirkung wie die Musik als solche - ideal geeignet als Meditationshilfe sind die mit Hilfe von Computergrafik erstellten Cover der Minialben, auch die Seiten des schön gestalteten Digipacks weisen kunstvoll verzierte Bilder aus, die zum Träumen und nachvollziehen der stimmungsvollen Soundscapes regelrecht einladen.

Wer in diesem Jahr (2004) das Glück hat, COIL auf dem WGT live zu erleben, wird vielleicht keines dieser Stücke mehr erleben - dazu weist das Repertoire dieser Band einfach zu viele geniale Songs auf - doch auch so kann man mit Sicherheit wieder ein magisches Ritual miterleben, welches als Bezeichnung für ein Konzert von COIL weitaus treffender ist als irgendein anderes Wort. Ideal zum Einhören und als Vorgeschmack ist die Doppel-CD "Moons Milk (In Four Phases)"...

Text: www.kleinertod.de

DISCOGRAPHIE (unvollständig):

How to Destroy Angels
Scatology
Panic / Tainted Love
The Angelic Conversation
The Anal Staircase
Horse Rotorvator
Hellraiser
Gold is the Metal
The Wheel / Keelhauler
Unnatural History
Wrong Eye / Scope
Windowpane
Love's Secret Domain
The Snow
Stolen and Contaminated Songs
How to Destroy Angels
Airborne Bells / Is Suicide a Solution
Themes from 'Blue'
Unnatural History 2
Windowpane/The Snow
ZOS KIA/COIL: transparant
Unnatural History III
BLACK LIGHT DISTRICT: A Thousand Lights in a Darkened Room
Foxtrot
Time Machines
Spring Equinox: Moon's Milk or Under an Unquiet Skull
Summer Solstice: Bee Stings
Autumn Equinox: Amethyst Deceivers
Winter Solstice: North
Astral Disaster
Musick to Play in the Dark volume one
Musick to Play in the Dark volume two
Constant Shallowness leads to Evil


http://www.brainwashed.com/coil/

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