DEAD CAN DANCE - Die Rückkehr der Magie



Prägend ist der Einfluß dieser außergewöhnlichen Formation auch heute noch, neun Jahre nach dem Erscheinen ihres letzten offiziellen Studioalbums „Spiritchaser". Mit ihrem bahnbrechenden Sound, einem einzigartigen Gemenge aus mittelalterlichen, sakralen und fremdländischen Elementen aus einer selbst angeeigneten und verinnerlichten Weltmusik mit osteuropäischen, asiatischen, arabischen und anderen Einflüssen haben es DEAD CAN DANCE seit Anfang der Achtziger Jahre geschafft, sich in das Innere ihrer stetig anwachsenden Hörerschaft derart einzubrennen, daß sie nach wie vor als Referenz und Vergleich in nahezu jeder Besprechung eines Tonträgers auftauchen, der auch nur Ansätze des weiten, von ihnen abgedeckten Bogens musikalischer Mystik aufgreift. DEAD CAN DANCE sind, ohne jemals auf der Stelle zu treten oder mit ihren aus dem Inneren leuchtenden Klängen plakativ zu wirken, das Aushängeschild ihrer eigenen Musik geworden.

Sowohl Komposition, Instrumente als auch Gesang sind seit den Anfängen 1980 in Australien gleichberechtigt gemeinsam von BRENDAN PERRY und LISA GERRARD eingebracht worden, wobei es jedoch gerade die Stimme von LISA GERRARD ist, die mit ihrem experimentellen, häufig wortlosen und doch so vielsagenden Gesang am nachhaltigsten in Erinnerung verbleibt. Ohne sich um Verkaufszahlen zu kümmern, haben die beiden kontinuierlich an der Ausarbeitung ihrer eigenen Ideen und musikalischen Vorstellungen zusammengewirkt, während nach und nach eine immer breiter werdende Hörerschaft weltweit auf ihre Tätigkeit aufmerksam wurde - denn dem Zauber der Klangwelten von DEAD CAN DANCE, welches manches Verschüttete aus der Musikweltgeschichte wieder zum Leben erweckt und mit Neuem vereint, kann sich kaum jemand entziehen.

Weder die 25 Jahre noch der große zeitliche Abstand zum letzten offiziellen Studiolabum, welches 1996 erschien, konnte dieser Ausnahmeformation etwas anhaben. Auch wenn in den letzten neun Jahren nur eine Zusammenstellung ihrer schönsten Lieder und einiger Raritäten erschienen ist, haben die Fans auf der ganzen Welt die Hoffnung auf eine erneute Zusammenkunft von DEAD CAN DANCE nicht aufgeben wollen. Die Gerüchte um eine Wiedervereinigung wollten nie verstummen, nun sind sie auf wunderbare Art und Weise zumindest teilweise Wirklichkeit geworden: 2005 ist ein DEAD CAN DANCE Jahr! Für eine umfassende Welttournee haben sich BRENDAN PERRY und LISA GERRARD wieder zusammengefunden und zumindest auch diese musikalische Wiedervereinigung wird es, wenn auch in streng limitierter Form, auf CD offiziell zu kaufen geben. Ob sich darüber hinaus noch mehr ergeben wird, steht jedoch bislang noch in den Sternen... Doch den aktuellen Anlaß für einen umfassenden Überblick über das musikalische Schaffen von DEAD CAN DANCE nutzend erst einmal zurück zu den Wurzeln dieser einzigartigen Band.

Anfang der Achtziger konnten BRENDAN PERRY und LISA GERRARD noch nicht einmal in Ansätzen erahnen, was sie in der Zukunft zusammen erreichen würden, als sie sich in der Post-Punkzeit in Melbourne das erste mal trafen. Beide beseelt von einem eigenen Verständnis von Avantgardemusik, erarbeiteten sich erst einmal den notwendigen Lebensunterhalt zusammen in einem Libanesischem Restaurant, um dann 1982 von dem Ersparten nach London aufzubrechen. In der englischen Hauptstadt hofften sie, ihre musikalischen Idee mit Hilfe eines Plattenvertrages zu verwirklichen, worauf sie jedoch noch weitere zwei Jahre warten mußten. Das kleine Independentlabel 4AD gab den beiden eine Plattform, von der sie aus ihren Siegeszug antreten sollten, angefangen 1984 mit dem Minialbum „Garden Of The Arcane Delights" und dem schlicht den Bandnamen tragenden Debutalbum noch im gleichen Jahr, von dem die Songs „Ocean" und „Frontier" auch heute noch als frühe Perlen glänzen. Allerdings versuchte sich der damalige Aufnahmetechniker zu sehr einzubringen und brachte ein Ergebnis zustande, welches die Band niemals richtig zufrieden stellen konnte - wie die frühen Stücke auf dem Album auch hätten klingen können kann man sehr gut erahnen, wenn man sich die Aufnahmen aus der John Peel Session 1983 anhört...

Mit jedem weiteren Album wußten sich DEAD CAN DANCE von Anfang an zu steigern, der erste wunderbare Beweis bildet das in 1985 herausgekommene zweite Werk „Spleen And Ideal", welches erstmalig den vollen Klangzauber dieser Band ohne jede Abstriche versprühte. Schon der Eröffner „De Profundis (Out Of The Dephts Of Sorrow)" ergreift mit sakraler Erhabenheit, „Mesmerism", „Enigma Of The Absolute" und „Avatar" sind nur weitere Beispiele für dieses erste Meisterwerk, welches nicht unverdient bis auf Platz 2 der britischen Independant Charts einsteigen konnte.

Noch ergreifender präsentierte sich DEAD CAN DANCE nach einer ausführlichen Tour mit dem dritten Album, „Within The Realm Of A Dying Sun" 1987, dessen bestes Lied, „Cantara", auch heute noch die schwarzen Tanzflächen zu füllen weiß. Mit orchestralen Arrangements und einer tiefgreifenden Dunkelheit bewegte sich die Band auf nie gehörten Pfaden ergreifender Schönheit und Melancholie. DEAD CAN DANCE unterteilten auf „Within ..." erst- und einmalig ein Album dahingehend, daß der erste Teil von BRENDAN PERRY und der zweite Teil des Albums von LISA GERRARD gesungen wurde. „Anywhere Out Of The World" oder „Summoning Of The Muse" sind weitere hervorzuhebene Songs auf diesem dritten Werk, welches man wie die folgenden nicht in der eigenen Sammlung missen sollte.

Einen Schritt weiter weg von der üblichen Instrumentierung geht der Nachfolger „The Serpent´s Egg" ein Jahr später. Dieses vierte gemeinsame Album von GERRARD und PERRY greift 1988 noch intensiver früheuropäische Elemente der Musik auf und vereinigt diese mit mystischer Erhabenheit, wie sie insbesondere auf dem ersten Lied „The Host Of Seraphim" nachzuhören ist - ein Lied, das auch heute noch schon nach wenigen Sekunden vollkommen zu vereinnahmen weiß und welches auch die Tür für LISA GERRARD zum Film öffnete durch die Verwendung als Filmmusik in „El Nino De La Luna" (Moonchild). Ausschnittsweise ist dieser Film heute als Musikvideo für das Lied noch mitunter im Fernsehen zu sehen. „In The Kingdom Of The Blind The One-Eyed Are Kings" und „Ullyses" hingegen zeigen, daß auch BRENDAN PERRY nach wie vor meisterhaft mit seiner Stimme die Werke von DEAD CAN DANCE vertonen konnte.

Filigrane Romantik und mittelalterliche Klänge vertiefte die Band auf ihrem fünften Tonträger „Aion". Wie der Titel verspricht ein zeitloses Werk für die Ewigkeit. Gregorianische Choräle und barocke Elemente, traditionelle Stücke wie der Saltarello aus dem 14. Jahrhundert oder das katalanische Lied „The Song Of The Sibyl" aus dem 16. Jahrhundert verbinden sich mit klassisch anmutenden, neuzeitlichen Kompositionen wie „Fortune Presents Gifts Not According To The Book" oder dem düsteren „Black Sun". Zeitgleich mit dem Wiedererstarken der Erinnerung an mittelalterliche Kultur und dem Wiederaufleben der Marktkultur setzten DEAD CAN DANCE 1990 mit „Aion" einen Meilenstein für inspirierte Mittelalterkompositionen. Niemand, der sich für derartige Klänge interessiert, sollte an diesem Album vorbeigehen.

Im gleichen Jahr unternahmen DEAD CAN DANCE eine ausgiebige Welttournee, welche sie sogar erstmals nach Amerika führte. Eine erste Compilation mit ihren besten Liedern bis dahin erschien im Folgejahr in Amerika, „A Passage In Time", zwei bis dahin nicht veröffentlichte Stücke enthaltend, „Bird" und „Spirit". Wer nach dem stetig wachsenden Erfolg der mittelalterlichen Musik und auch vom letzten offiziellen Albums „Aion" damit gerechnet hätte, daß BRENDAN PERRY und LISA GERRARD auf der Woge des Erfolgs ähnlich gestrickte Werke herausbringen würden, wurde nicht nur durch die lange Pause bis zum nächsten Album im Jahr 1993, sondern auch durch eben jenes, „Into The Labyrinth", widerlegt. Lediglich aufbauend auf dem bisherigen und viel weiter noch fortgreifend gingen DEAD CAN DANCE mit diesem sechsten und wohl besten ihrer bisherigen Alben. Bereits das Eröffnungslied „Yulunga (Spirit Dance)" zeigt mit seinen schamanischen Elementen neue Wege auf, „The Carnival Is Over", „Towards The Within" oder „How Fortunate The Man With None" sind nur weitere Songs dieses Meisterwerkes aus sphärischen Klängen, spirituellen Einflüssen und unaufdringlicher Weltmusik.

Auf dem Höhepunkt ihres Ruhmes und auch ihres zumindest bisherigen Schaffens angekommen, veröffentlichten DEAD CAN DANCE 1994 mit „Toward The Within" das erste offizielle Livealbum parallel auf Platte als auch als Video. Im Gegensatz zu den unzähligen illegalen Bootlegs, die zuvor die immense Nachfrage nach den Livekünsten der Band zu befriedigen versuchten, handelt es sich hierbei sowohl um eine ausgezeichnete Aufzeichnungsqualität als auch um eine besondere Auswahl an Liedern von der letzten großen Tour vor der Trennung. Schon auf diesem Livealbum zeichnen sich die Solopfade von LISA GERRARD, mit der Aufnahme des auf ihrem ersten Soloalbum enthaltenen „Sanvean", und BRENDAN PERRY´s, dessen Songs wie „American Dreaming" seine Einzelkarriere vorwegnehmen, ab.

1995 erschien das vielbeachtete erste Soloalbum von LISA GERRAD, „The Mirror Pool", welches jedoch nicht ganz den Zauber der DEAD CAN DANCE-Werke erreichen konnte. Das siebte, ein Jahr später veröffentlichte DEAD CAN DANCE Album „Spiritchaser" läßt die Entfremdung zwischen PERRY und GERRARD bereits erahnen. Zwar wird 1996 eine ausgezeichnete Weltmusik mit einem für DEAD CAN DANCE typischen touch dargeboten, doch vermögen die Lieder mit Ausnahme des Eröffnungssongs „Nierika" ungewöhnlich wenig zu berühren, als ob eine gewisse innerliche Unruhe der Komponisten auch die Hörer befällt und die an sich eher ruhig gestrickten Stücke unausgewogen wirken läßt. Nach dem „Spiritchaser"-Album kamen DEAD CAN DANCE 1998 zwar nocheinmal zusammen, ein weiteres Album aufzunehmen, doch mehr als der wunderschöne Song „The Lotus Eaters" kam dabei nicht heraus. Das kreative Duo brauchte Zeit für die Betätigung ihrer Einzelkünstler und ging für noch unbestimmte Zeit auseinander.

Während BRENDAN PERRY erst 1999 mit „Eye Of The Hunter" sein erstes Soloalbum herausbrachte, ließ LISA GERRARD bereits 1998 mit „Duality" ihr zweites Einzelwerk folgen. Wie auch schon ihr erstes aber auch die nachfolgenden Alben benötigte sie jedoch wie schon bei DEAD CAN DANCE einen weiteren Mitwirkenden für die Komposition, um ihre Gefühle derart in Musik umzusetzen, daß sie damit zufrieden war. Besonders erfolgreich wurde die Zusammenarbeit mit Hans Zimmer zum Soundtrack von „Gladiator", aber auch Filme wie „Whalerider", „Ali" und andere wurden mit ihrer wunderschönen Stimme und Kompositionen von GERRARD bereichert. Auf alle weiteren Einzelaktivitäten der beiden seitdem auch nur andeutungsweise einzugehen, würden den Rahmen dieses Artikels sprengen.

2001 schien mit der herausragenden Zusammenstellung „Dead Can Dance 1981-1998" als Buch mit drei CD´s und der „Towards The Within"-DVD eine wunderschöne Hommage in Form einer Raritätensammlung und Compilation ihrer besten Lieder als passender Abschluß und letztes Lebenszeichen herausgekommen zu sein, welches später in Teilen als Art Best-Of-Doppel-CD unter dem Titel „Wake" quasi wiederveröffentlicht wurde. Die nicht enden wollenden Gerüchte sollten jedoch Recht behalten, daß dies nicht das letzte Lebenszeichen dieser Ausnahmeformation sein sollte.

2005 gibt es endlich nicht nur die Wiedervereinigung für die von März bis Oktober andauernde Welttournee, auch neue Alben von DEAD CAN DANCE sind angekündigt. Zwar handelt es sich hierbei nur um streng limitierte Doppel-Live-CD´s zu dreizehn ihrer Konzertauftritten in Europa, allerdings kann man darauf rund 30 Minuten neues Material entdecken, welche in den Konzertsälen den wenigen zuteil werden konnte, die eines der heißbegehrten Tickets für ein Konzert sich zu sichern vermochten. Die Vielzahl an neuen Liedern läßt dabei die Hoffnung aufkeimen, daß es sich bei dieser Wiedervereinigung nicht nur um ein kurzes Glück für wenige Auserwählte handeln wird...

Die Magie ist wieder zurück - möge sie lange bleiben!

www.deadcandance.com
www.brendan-perry.com
www.lisagerrard.com

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