KILLING JOKE - Innerview



Während sich andere Bands im Laufe der Jahre auf die Faule Haut legen und die Früchte ihrer Anfangszeit einfahren, stampfen KILLING JOKE seit 1978, lediglich Anfang der Neunziger von einer kleinen Schaffenskrise unterbrochen, bis zum heutigen Tage immer wieder Hammeralben aus dem Erdboden - oder passender formuliert, aus der Tiefe der Hölle, die es in diesem Ausmaß eben nur auf Erden gibt. Anläßlich des aktuellen Albums, „Hosannas From The Basement Of Hell“, welches wir Euch schon in der letzten Ausgabe vom GOTHIC MAGAZINE vorgestellt haben, konnte ich mich einige Zeit mit dem Sänger von KILLING JOKE, Jaz Coleman, über das neue Werk und alte Zeiten für Euch unterhalten.

Während mich die alkoholbedingten Auswirkungen einer langen, exzessiven Party der Nacht vor dem Interviewtermin noch deutlich spürbar im Griff hatten - ein Umstand, den zu erwähnen ich von meinem immer zu Späßen aufgelegten Gesprächspartner ausdrücklich und unbedingt gebeten wurde, da derartiges sonst immer nur von ihm geschrieben wird - war Jaz Coleman aufgrund des bereits absolvierten Interviewmarathons ebenfalls nicht mehr vollkommen fit. Doch dies führte nicht zu einem Hemmnis für das Interview, wir schafften es vielmehr das Beste aus der Situation zu machen und führten ein sehr entspanntes Gespräch, wobei es sich Jaz Coleman die meiste Zeit liegend bequem machte und meine Fragen fast schon wie in Trance beantwortete. Aufgrund der Länge unserer Unterhaltung mußte ich leider starke Kürzungen vornehmen, doch das dürfte dem interessanten und aufschlußreichen (eine Frage, die ich mir schon in den Achtzigern immer gestellt wurde, fand nach all den Jahren endlich eine Antwort!) Ergebnis nicht geschadet haben. Doch lest selbst!

28 Jahre KILLING JOKE - wie fühlen die sich an und wie fühlst du dich?

JAZ COLEMAN: Wie sich das anfühlt... (lacht) Ich habe das Gefühl, daß ich meine Träume nicht verloren habe. In all meiner Musik gibt es einen Traum, mit KILLING JOKE und mit dem Orchester. Mein Traum ist wahr, ich glaube an das Dorf, ich glaube an isolierte Plätze, an eine neue Soziologie... Ich schätze, ich glaube auch eine neue Kirche. Was du für eine Band hältst, ist nicht nur eine Band... Man kann nicht leugnen, daß KILLING JOKE Generationen beeinflußt hat. Aber das ist nicht der Punkt bei KILLING JOKE, KILLING JOKE ist eine Art, die Welt zu betrachten - und zu lachen. Ein Lachen, welches alle Ängste überwindet.

Haben sich in den Jahren Veränderungen beim Musik machen ergeben in der Art und Weise oder bei der Motivation dazu?

JAZ COLEMAN: Je älter ich werde, desto mehr mag ich alles, was live gespielt wird. Moderne Aufnahmen sind zu verhätschelt, wie Aufnahmen von Mehrspurgitarren und dergleichen. Die Intention bei unserem neuen Album war, viel zusammen zu leben und total verrückt zu werden in einer wunderschönen Stadt... In Kriegsgebiete zu gehen... Ich ging nach Beirut und nach Taipen... Verschiedene Orte mit unterschiedlicher Spannung. Was ich dort bekam, war das Feiern des Lebens. Letztendlich das immer wiederkehrende Thema. Ich liebe Konzerte, ich liebe es zu spielen. Letztendlich bin ich nur ein hart arbeitender Musiker.

Du hast verschiedene Orte erwähnt, wo die Aufnahmen für das neue Album stattfanden. Ist der Ort, an dem etwas aufgenommen wird, für dich wichtig?

JAZ COLEMAN: Ja, das hat einen Einfluß auf mich. Hör zu, ich erzähl dir ein großes Geheimnis. Zuerst, um gute Musik zu machen oder irgend etwas anderes - für uns, Musik - um Musik zu machen, vergiß Musik. Vergiß sie. Mach dein Leben bunt. Mach es schön. Wenn du davon träumst, auf schöne Partys zu gehen, dann mach das. Laß nichts Phantasie bleiben. Das war eines unserer alten Mottos. Let nothing be phantasy. Verstehst du?

Erinnert an das „Don´t dream it, be it“ von der Rocky Horror Picture Show...

JAZ COLEMAN: Richtig. Napoleon hat gesagt, hüte dich vor dem Mann, der mit offenen Augen träumt. Er meint, wie kann es kreative Visualisierung geben? Meine Idee ist nicht der Rock´n Roll. Ich habe nie an Rock´n Roll geglaubt. Wir kamen von einer Punktradition. Keine Gitarrensoli und so... Es ging um Menschen, die Musik machen, nicht um diesen Rockstarshit, den Müll, den es sonst so gibt. Ich lebe mein Leben, ich ziehe umher wie ein Zigeuner, bleibe die ganze Zeit in Bewegung. Ich habe ein bewegtes Leben an unterschiedlichen Orten... Aber diese Zeit endet irgendwann, der Treibstoff geht zu Ende... Die Welt ist total verrückt. (lacht)

Dein Treibstoff geht zu Ende oder meinst du den der Welt selbst?

JAZ COLEMAN: Sicher. Die Gier des Menschen... Der Mensch betrügt... Ich finde Betrug etwas sehr schlimmes. Ich kann normalerweise dreimal vergeben, danach ist es sehr schwer. Ich trage eine Maske, deshalb kann man mich nicht sehen... Es sind dunkle Zeiten.

Du kommst aus England, lebst nun in Prag... Was bedeuten Nationalität und Nationen für dich?

JAZ COLEMAN: Was spielt es für eine Rolle, woher ich komme. Ich habe vier Pässe. Ich gehe dahin, wo es mir gefällt. Wenn ich im Regenwald leben wollte, dann würde ich einfach dorthin gehen. Lebe dein Leben. Das ist das Gleiche wie bei einem Konzert auf der Bühne. Die Art, wie du lebst, so klingt deine Musik.

Wenn man das neue Album betrachtet, so ist dein Leben voller Energie. „Hosannas from the basement of hell“ hat etwas von heidnischer Spiritualität aufgrund der Rhythmik und der Vocals, die an Zaubergesänge erinnern. „Lift up your spirits“ sind die ersten Worte des Albums...

JAZ COLEMAN: Ich bin voller Energie. Ich mag es mich hinzulegen, aber kann nie schlafen. Ich habe ein Schlafproblem. „Lift up your spirits“... Ich möchte niemanden depressiv machen, vielmehr möchte ich die Stimmung der Leute heben. Zum Beispiel... freie Energie. Energie sollte frei sein. Wenn man sich die Welt anguckt, die Ressourcen sind da, die Technologie ist da... Die Hölle ist das, was wir mit der Welt tun, weil wir dumm sind. Glaube ich an ein Leben nach dem Tod? Ja, definitiv, ich habe mehrere Leben gelebt, da habe ich keine Zweifel. Weißt du, ich bin sowohl östlich als auch westlich, ein interessanter Konflikt. Und zur Spiritualität... (an dieser Stelle bestand er darauf, mir das dritte Lied des Albums vorzuspielen, welches mir besonders bei dieser Frage auch vor Augen stand und angesichts des daraufhin etwas abschweifenden Gespräches brauchten wir eine Weile, bis wir mit dem Interview fortfahren konnten...).

Okay... In „Lightbringer“ singst du über „the rebellious spirit“. Was bedeutet der rebellische Geist für dich?

JAZ COLEMAN: Well. Das ist eine interessante Frage... Wir werden dazu angeleitet zu glaube, daß der Teufel, der „Lichtbringer“, Satan, böse ist. Aber wenn du auf die Geschichte der Schlangen schaust, dann stellst du fest, daß die Schlange zurück zum Garten Eden geht und daß sie ein Symbol für Wissen ist. Es bedeutet Licht, naturwissenschaftliche Kenntnisse, Mathematik, Geometrie... Es ist das biologische System. Es ist eine großartige Architektur. Eine Welle von Zivilisation... Die Geheimnisse darinnen...

Wie viele Sprachen sprichst Du?

JAZ COLEMAN: Ich habe immer noch meine Probleme mit Englisch... (lacht) Hör mal, meine älteste Tochter spricht französisch. Es ist schrecklich... So muß ich es ein wenig versuchen. Ich arbeite mit vielen Sprachen. Meine erste Oper ist ganz auf italienisch. Ich habe mit neuseeländischen Sprachen und vielen anderen gearbeitet, aber ich spreche sie nicht.

Auf dem Debutalbum von KILLING JOKE ist ein Song, wo im Hintergrund eine deutsche Radioübertragung läuft. Was war die Bedeutung davon? Habt ihr verstanden, was ihr da benutzt habt?

JAZ COLEMAN: Nein. Wir haben damals im Club SO36 in Berlin gespielt. Als wir eine Pause gemacht und essen gegangen sind, gab es nur Schweinefleisch. Wir konnten uns kaum verständigen, es war der Horror. Als wir zurückkamen, haben wir das Stück „SO36“ geschrieben, wir haben gejammt. Was da im Radio gesagt wird, da habe ich überhaupt keine Ahnung. Was sagen sie da?

Es ging um westdeutsche und ostdeutsche Politiker. Ich habe mich immer gewundert, warum ihr diesen Ausschnitt gewählt habt. Es paßte zu der Zeit...

JAZ COLEMAN: Oh ja. Wir waren eine Band des Kalten Krieges. Ich meine, wir haben drei Alben in Deutschland gemacht und in Berlin gelebt. Berlin war eine Insel. Jeder, der nicht in die Armee wollte, ging nach Berlin. Es gab diese Subkultur, diese Insel umringt vom Kommunismus. Ich habe das geliebt. Jeder, der da war, war auf der richtigen Seite. Es war absolut fantastisch. (lacht) Letzte Woche war ich wieder in Berlin. Hm... Ich habe Prag verlassen aus dem gleichen Grund. Intakte Architektur...

Mit diesem besonders für mich als alten Fan sehr aufschlußreichen letzten Statement möchte ich die Auswahl dieses noch viel weitergehenden Gespräches abschließen. Wer auch immer die Möglichkeit hat, KILLING JOKE bei der Livedarbietung des neuen Albums zu erleben - die letzten zwei Tourneen in Deutschland sind leider ausgefallen, aber bei der unermüdlichen Liveenergie von KILLING JOKE dürfte es nur eine Frage der Zeit sein, daß dieses Urgestein der Untergrundmusik ihre brachialen Klänge wieder live darbieten.

Kontakt: http://www.killingjoke.com/

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