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Wiener Zentralfriedhof

Durch das Tor schreitet man in eine andere Welt - als Lebender nur zu Besuch in der Stadt der Toten, zu der man noch keinen endgültigen Zugang erhalten kann. Es wohl auch gar nicht will - und dennoch fasziniert ist von dieser Welt, die so anders ist - und doch vertraut. So vertraut wie das Leben ist einem als Lebender der Tod, das unbekannte aber unabänderliche Gegenstück dazu, die nicht einsehbare andere Seite ein und derselben Medaille. Und doch... „Gibt es einen anständigen Menschen, der in irgendeiner guten Stunde in tiefster Seele an etwas anderes, als ans Sterben denkt?" (Arthur Schnitzler, begraben auf dem Wiener Zentralfriedhof im jüdischer Teil)

Ich möchte Euer Augenmerk nun auf die größte Begräbnisstätte Österreichs richten. Das sich diese in diese Wien befindet, mag man allein der Bevölkerungsdichte der Stadt zuschreiben, doch das erklärt noch lange nicht die Bedeutung und die besondere Ausstrahlung dieses Ortes. Die Wiener pflegen nämlich ein inniges Verhältnis zum Tod, nicht erst seit der Eröffnung des „Centralfriedhofs" im vorvorigen Jahrhundert. So beschäftigt sich jedes zweite Volkslied mit dem Sterben und der Ewigkeit und in der Biedermeierzeit gab es in der Donaustadt gar kolorierte Ausschneidebögen für Kinder zum Basteln eines Leichenzuges zu kaufen.

Kuriositäten gibt es zuhauf über diesen etwas anderen Leichenacker zu berichten. Mit dem frühen Erlernen eines angemessenen Umgangs mit den Verstorbenen hat beispielsweise die Angst vor dem Lebendig-Begrabenwerdens wenig zu tun - um letzterer „Gefahr" zu entgegnen, ergriffen die Wiener verschiedene Maßnahmen. Neben der Inaugenscheinnahme der Toten wurde sogar ein elektrischer „Rettungswecker" installiert, den der vermeintlich Verstorbene noch unter der Erde liegend auslösen hätte können, und der Tag und Nacht bewacht werden mußte - ein Auslösen dieses Weckers ist jedoch nicht überliefert. Noch makaberer wirkt das traditionelle, noch heute existente Recht des ärztlichen „Herzstiches", eine wirklich todsichere Methode zur Zerstreuung der oben genannten Sorge.

Die Wiener Totenstadt in Simmering war die Antwort auf die Bevölkerungsexplosion des 19. Jahrhunderts und den damit verbundenen Begräbnisnotstand aufgrund der Überfüllung der bestehenden Begräbnisstätten. Das erste Einzelgrab, welches an Allerheiligen 1874 für einen Jakob Zelzer angelegt wurde, ist noch heute in der „Gruppe 0" erhalten. Den weithin sichtbaren Mittelpunkt der Totenstätte bildet die zu Ehren des Wiener Bürgermeisters Dr. Karl Luegers, welcher das Erscheinungsbild des Zentralfriedhofs entscheidend durch die Veranlassung der repräsentativen Gestaltung prägte, gebaute und nach ihm benannte Gedächtniskirche.

Um für einen reibungslosen Transport der Verstorbenen zu sorgen, war sogar eine „pneumatische Leichenbeförderung" von einer zentralen Sammelstelle in der Innenstadt zum Zentralfriedhof geplant, ein von zwei Wiener Erfindern ausgeklügeltes Luftdrucksystem, das mit der Rohrpost vergleichbar ist - und aus Pietätsgründen dann doch nicht realisiert worden ist. Weitaus angemessener und schöner, wenngleich nicht minder einzigartig, war der dann eingeführte Sonderwagen der Straßenbahn, ein schwarzer Wagen mit all den Verzierungen, die man zu dieser Zeit von einem Leichenwagen erwarten durfte, er brachte die Toten bis in die Zwanziger des vorigen Jahrhunderts an ihre letzte Ruhestätte heran.

Aber auch den bedeutenden Persönlichkeiten wie Wolfgang Amadeus Mozart, die nicht auf dem Zentralfriedhof zur Ruhe gebettet wurden, wollte man angemessen ehren: die Wiener richteten einen Ehrengräberhain ein, all denen ein Denkmal zu setzen, die sich im besonderen Maße um diese Stadt verdient gemacht haben. Viele dieser Ehrengräber sind richtige Grabmäler, so liegt hier auch der Mensch begraben, der sich unter den Namen FALCO nicht nur in die Ohren und Herzen der Wiener gesungen hatte. Weitere Geehrte sind der urige Hans Moser, Ludvig van Beethoven, Theo Lingen, Johann Strauß und viele andere Berühmtheiten, die man so leicht nicht vergessen wird - sie alle findet man in dieser Wiener Variante des Pantheons.

Wunderschöne Grabmäler finden sich natürlich auch abseits der Ehrengräber, die Stunden fliegen nur so vorüber, wenn man sich auch nur ansatzweise einen ungefähren Überblick verschaffen will. Wer die weiten Wege nicht allein zu Fuß unternehmen will, kann eine der vorhandenen Buslinien benutzen, die etwa alle halbe Stunde den Friedhof durchqueren. Auf den ausgewiesenen Fahrstraßen darf man sogar mit dem Auto fahren, was angesichts der Fläche von über 2,3 Mio. m2 schon eine Überlegung wert sein dürfte. Starten sollte man den Rundgang jedoch vom Haupttor aus, wo man auch einen detaillierten Plan vom Zentralfriedhof erwerben kann, der einen nicht nur das Auffinden von bestimmten Plätzen erleichtert, sondern einen auch wieder sicher herunter leiten kann. Den Nordwesten sollte man unbedingt auch aufsuchen, um die wunderschöne Alte Israelitische Abteilung nicht zu verpassen, die das leider düstere Kapitel auch der Wiener Geschichte nach wie vor erinnern läßt und nichtsdestotrotz mit seiner Ausstrahlung zu verzaubern weiß.

Wem nach weiterer Beschäftigung mit dem Tod der Sinn steht, kann sich im einzigartigen Wiener Bestattungsmuseum mit den teils bizarr anmutenden Begräbnissitten und -geschichten Wiens vertraut machen. Hier findet man alles über so befremdliche Mehrweglösungen wie den „Retoursarg", einen wiederverwertbaren Klappsarg, heraus, der nach nur kurzer Zeit dem großen Widerstand der Wiener zum Opfer fiel. Die Wiener gedenken schließlich stilvoll ihrer Toten: „In Wien mußt erst sterben, damit sie dich hochleben lassen. Aber dann lebst lang." (Helmut Qualtinger, der auf den Wiener Zentralfriedhof seine letzte Ruhe in einem Ehrengrab gefunden hat)

Wissenswertes und Hilfreiches zum Wiener ZentralfriedhofAdressen und Informationen:
Wiener Zentralfriedhof, Simmeringer Hauptstr. 234, 1110 Wien (Wien 11) S-Bahn 7, Haltestelle Zentralfriedhof oder Zentralfriedhof Kledering
Ansprechstellen: Verwaltung des Wiener Zentralfriedhofs, Haupteingang, Tel.:(0043-1)760410
Magistratsabteilung 43, Werdertorgasse 6, Wien 1, Tel.:(0043-1)534690
Öffnungszeiten: Nov.-Februar: 8-17 Uhr, März+April: 7-18 Uhr,
Mai-August: 7-19 Uhr, September+Oktober: 8-17 Uhr
Internet: http://www.magwien.gv.at/ma/43/ (eigene Seite wird aufgebaut, Infos: M.abt. 43)
Wiener Bestattungsmuseum, Goldeggasse 19, Wien 4, Tel.:(0043-1)501954227
U1 Südtiroler Platz, Straßenbahn D Schloß Belvedere, Straßenbahn 0 oder 18 (Südbahnhof)
Öffnungszeiten: Mo.-Fr. 12-15 Uhr (Werktags) - nur nach Voranmeldung!
Internet: http://www.wiennet.at/tu/bestattung/museum/
Literatur: „Ehrengräber" (Taschenbuch - 50 Schilling = ca. 3,63 Euro)
Zentralfriedhof (Broschüre,neu+kostenlos - beide Hefte erhältlich am Haupteingang)
Prof. Hans Pemmer, „Der Wiener Zentralfriedhof - seine Geschichte & seine Denkmäler", Wien 1924 (wegweisend, nur antiquarisch, ca. 300-400 Schilling)
Zur Geschichte der Aufbahrungshallen im Wiener Zentral, (gegen 250 Schilling im Wiener Bestattungsmuseum erhältlich)
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