Der Unfall - eine phantastische Geschichte


Setz dich bitte mir gegenüber, damit ich dich sehen kann, wenn ich mit dir spreche.

Ich habe dich nicht aus Vergnügungssucht gebeten, mit mir Krüppel einen Ausflug zu unternehmen, sondern weil ich mit dir etwas bereden muß. Du bist mein bester Freund und kennst mich schon lange, auch aus der Zeit, bevor ich an diesen verdammten Rollstuhl gefesselt wurde - und darum bist du auch der Einzige, der mir jetzt noch helfen kann.

Nein, sag jetzt nichts. Ich weiß, daß du schon nein gesagt hast, aber du kanntest bis jetzt keinen von meinen wahren Gründen. Ich bin sicher, daß du mir die erforderliche Menge Säure besorgen wirst, die ich brauche, um diesen Körper aufzulösen, endgültig von dieser Welt, ins Nichts zu verbannen, wenn ich dir erst alles erzählt habe.

Eigentlich wollte ich ja nie jemandem etwas davon berichten, doch ich spüre, daß mir die Zeit langsam knapp wird, darum muß ich jetzt handeln, solange ich mir mein Ende noch selbst aussuchen kann...

Es war damals, vor fünf Jahren, an diesem einen Tag, an welchem ich den Unfall hatte... Es war warm, aber nicht unangenehm, da ein leichter, erfrischender Wind wehte. Ich hatte einen freien Tag und nichts besonderes vor, darum entschied ich mich einen kleinen Spaziergang zu unternehmen. Ich hoffte, ein wenig ausspannen zu können - es ging mir damals ja ein wenig schlecht, da gerade die Beziehung mit meiner Freundin in die Brüche gegangen war. Also wanderte ich einfach drauflos, wie ich es ja früher gern gemacht hatte.

Ich wollte eigentlich an nichts denken, doch schon kurze Zeit nach dem Losgehen hatten mich meine Probleme wieder eingeholt. So beschäftigte ich mich wieder und wieder mit meinen derzeitigen Problemen und wünschte mich ganz weit fort, bis ich irgendwann bemerkte, daß mich mein langer Spaziergang in eine mir bis dahin völlig unbekannte Gegend geführt hatte.

Von dieser Wendung meines bis dahin unangenehmen Spaziergangs überrascht, versuchte ich bald, aus der neuen Situation das Beste zu machen. Ich machte mir keine ernsthaften Gedanken darum, daß ich mich verlaufen hatte, sondern genoß erstmal die Chance, ein mir fremdes Gebiet zu entdecken. Sowieso rechnete ich jederzeit damit, auf eine bekannte Straße oder Ecke zu stoßen, da ich die Stadt schon häufig durchlaufen hatte, besonders in dieser Gegend. Doch als sich auch nach einiger Zeit meine Befürchtung, eine solche bekannte Stelle zu finden, die meine Entdeckungsreise abrupt den Reiz nehmen würde, nicht erfüllte, begann ich langsam damit, die fremden Straßen etwas aufmerksamer zu betrachten.

Unterbewußt war es mir schon länger aufgefallen, doch erst jetzt, wo ich genauer darüber nachdachte, wurde mir klar, daß irgendetwas seltsames mit diesem Viertel los war... Ich ging noch einige Zeit und schaute mich um, bevor ich meine Vermutung als Tatsache mir selbst bestätigen und damit anerkennen mußte.

Die ganze Gegend war menschenleer, auf meinen Erkundungsspaziergang hatte ich seit dem Eintreten in das unbekannte Gebiet keine einzige Seele angetroffen. Auch die Häuser schienen unbewohnt, wie mir bewußt wurde, als ich stehenblieb und meinen Blick schweifen ließ. Nirgendwo erkannte ich Gardinen oder Blumen oder irgend einen anderen Hinweis in den Fenstern, der die für eine solche Wohngegend, als welche sie mir erschien, zu erwartende Bewohntheit aufzeigen könnte. Die Eingangstüren der mehrstöckigen Häuser waren verschlossen und völlig frei von irgendwelcher persönlichen Kennzeichnung, Namensschilder fehlten ebenso wie Klingeln, Briefkästen oder sogar Hausnummern. Auch Straßenschilder konnte ich nicht sehen, es war mir, als wäre ich in eine unbezogene Neubausiedlung gelangt - doch gegen diese Assoziation sprach eindeutig, daß die ganze Gegend schon einigermaßen alt, wenn auch nicht baufällig aussah. Und so etwas mitten in einer bevölkerungsreichen Großstadt mit der an sich überall wahrzunehmenden Wohnungsknappheit...

Während ich so dastand und überlegte, fiel mir eine weitere Ungereimtheit auf: Seit ich denken konnte, verfolgte mich dort ein eigenartiges, maschinenartiges Dröhnen, dessen Lautstärke ständig gleich blieb und das von überall und nirgends zu kommen schien. Auch der Himmel kam mir bedrohlich fremd vor - das sich über den ganzen, mir sichtbaren Horizont erstreckende eintönige Grau war zu gleichmäßig, um normal zu sein... Dazu kam der eigenartige benzinartige Geruch, der an jeder Stelle die gleiche Inensität hatte. Mir wurde, als mir diese Dinge bewußt wurden, mehr als unbehaglich - doch das war nichts, verglichen mit der nackten Angst, die mich gleich überfiel, sobald ich SIE hörte... Die Geräusche... Diese schrecklichen Geräusche!

Nach wie vor brennen sie in meinen Ohren, wie damals, als ich sie zum ersten mal hörte. Es war eine Folge von Tönen, aber nicht solchen, wie man es sich unter einer solchen Bezeichnung gemeinhin vorstellen könnte. Dem folgte eine Pause, bis es wieder diese absolut unmenschlichen Geräusche gab, und dann wieder eine Pause, mal länger, mal kürzer, und so weiter... Und immer diese Klänge, diese gräßliche Mischung aus einem blubbernden Zischen und dem Geräusch, den ein Saugnapf von sich gibt, wenn man ihn von einem feuchten, festen Untergrund abzieht...Und das alles in einer schnell aufeinanderfolgenden nahezu melodiösen Reihenfolge, einer irrwitzigen Melodie!

Und dieses Geräusch... Es kam näher...Immer näher...

Ich riß meine Augen von der Straße, aus der diese schrecklichen Klänge kamen, deren Ursache ich aber nicht erblicken konnte... Von was für einem Ding auch immer diese Geräusche kamen, es kam näher, konnte jederzeit in Sichtweite kommen - und da wurde mir schlagartig bewußt, daß ich um alles in der Welt gar nicht erst sehen wollte, was die Ursache war. Ich mußte weg, denn es näherte sich mir mit jedem Augenblick immer mehr!

Ich lief in die entgegengesetzte Richtung, bog um mehrere Ecken, versuchte aber irgendwie noch die Richtung zu halten, denn ich wollte so viel Abstand wie möglich zwischen mich und dieses Etwas bringen und so weit wie nur irgend machbar davon weg sein. Doch der eklige Klang, er wurde einfach nicht leiser, er wurde immer lauter, drohte mich einzuholen...

Und dann... Kamen die Anderen...

Es waren mehrere... Von der gleichen ART wie mein erster Verfolger... Ich hörte ihre Geräusche, diese widernatürlichen, grauenhaften Tonfolgen!

Es wird so verschwommen in meiner Erinnerung... Ich weiß nicht, wie ich es geschafft hatte, ich weiß nur, daß ich in einer dem Wahnsinn zumindest sehr nahen Panik mit all meiner Energie in eine kleine Seitenstraße gerannt bin und da war plötzlich diese Straße. Ich bin einfach nur vorwärts gerannt, sah den Bus aus den Augenwinkeln auf mich zukommen, ohne ihn eigentlich richtig zu registrieren und dann war da nur noch dieser Stoß.

Schmerzen habe ich da nicht gefühlt. Es ging alles so schnell und ich lag da. Irgendwie konnte ich meinen Kopf noch einmal vom Asphalt heben, bevor ich in die tiefe Schwärze fiel. Ich sah in die Richtung, aus der ich gekommen war, oder zumindest dachte ich, ich würde in die Richtung sehen - es war jedenfalls nur eine Wand aus Ziegelsteinen, die ich erblickte... Danach habe ich nur noch irgendwelche menschlichen Gesichter wahrgenommen, bevor ich weg war.

Den nächsten Teil der Geschichte kennst du ja. Seit diesem Tag sitze ich im Rollstuhl. Ich bewege mich so wenig wie möglich nach draußen... Erst dachte ich, als ich versuchte, das Ganze zu verarbeiten, daß ich irgendwie schon so weitermachen könnte... Versuchte mir - anfangs sogar recht erfolgreich - einzureden, daß das Alles doch nur ein Traum gewesen sei...

Ja, ich kann Deinen Blick gut interpretieren, deine Körperhaltung spricht Bände, du brauchst jetzt auch gar nichts zu sagen und kannst dich von mir aus noch so weit zurück lehnen, es wird nichts ändern.

Denn es war kein Traum. Ich weiß jetzt, daß das alles passiert ist. Daß mich irgendwelche Kräfte zu ihrem Spielball gemacht haben...Daß SIE hinter mir her sind.

Denn ich höre sie, diese Geräusche. Sie sind wiedergekommen... Erst war es noch so, daß ich dachte, ich würde mich geirrt habe, doch sie kommen immer häufiger. Anfangs waren noch Monate dazwischen, doch dann wurden es Wochen, Tage und schließlich kommen sie jetzt jede Nacht. Und sie werden immer mehr und lauter und sie kommen immer näher! Oder vielmehr ICH komme ihnen immer näher...

Sie rufen mich jede Nacht, sie lassen mich nicht mehr los. Ich war ihnen zu nah, jetzt lassen sie mich nicht mehr in Ruhe. Sie sagen, ich soll zu ihnen zurück kommen. Und nicht mehr lange und ich werde es tun - denn ich gehöre nicht mehr in diese Welt.

Du glaubst mir nicht? Dann zieh´ die Decke von meinem verkrüppelten Körper und betrachte das, was sich seit dem Unfall da aus den Stummeln meiner Beine enwickelt hat. Schau sie dir an, diese feuchten Geschwülste, diese kleinen, sich ständig öffnenden und schließenden zahnlosen mundartigen Gebilde, höre ihnen zu, wenn sie noch ganz leise ihre Melodie von sich geben, ihr Zischen und Schmatzen und beobachte sie wie ich, wie sie von Tag zu Tag immer lauter und größer werden, wie ich ihnen jeden Tag immer näher komme!

Und jetzt bitte ich dich, als mein Freund, besorge mir die Säure, bevor es zu spät ist. Solange ich noch dein Freund bin, erfülle mir diesen einzigen noch verbliebenen Wunsch. Laß mich nicht so gehen. Nicht zu ihnen. Hilf mir...


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