Das Vögelchen kann kommen
- Eine Gute-Nacht-Geschichte


Tausendfach gebrochen spiegelte sich der Schein der Kerze in den Tropfen wieder, der von der Wange des kleinen Mannes in das gläserne Gefäß fiel. Dies war nun schon die siebenhundertsiebenundzwanzigste Phiole (er hatte es genau gezählt), die er seit seinem großen Verlust mit seinen Tränen füllte - und es würde nicht die letzte sein, da war er sich sicher, denn wie könnte er je mit dem Weinen aufhören, wo er doch seinen besten Freund verloren hatte?

Sicher, viele würden diesen kleinen, rundlichen Mann mit dem ständig leicht geröteten Gesicht und seinen bereits angegrauten Haaren nicht ernst nehmen können - aber ich tue es, auch wenn es nur ein Vögelchen ist, dem er nachtrauerte. Aber ist nicht auch ein Vögelchen in der Lage, das Leben eines Menschen derart zu bereichern, daß nichts mehr wie vormals sein kann, sobald es verschwunden ist? Viele unserer Mitmenschen rühren uns nicht so tief, wie es ein kleines Vögelchen tun kann - also warum sollte er es nicht seinen besten Freund heißen können?

Ich bin sicher, auch Du verstehst dies und machst Dich nicht auch noch über seinen großen Verlust lustig, wie so manch einer, dessen Herz im Laufe der Zeit hart geworden ist, weil er vergessen hat, mit den Augen eines Kindes zu sehen. Viele meinen ja, daß dies etwas mit dem Alter zu tun hat, aber das ist falsch - je älter man wird, desto mehr Gelegenheit hat man nur, das Wichtigste aus den Augen zu verlieren angesichts all der nervenaufreibenden Alltäglichkeiten.

Unser kleiner Mann gehörte zu denjenigen, die die Welt immer noch mit den Augen eines Kindes sahen, er hatte sein Herz nicht in Stich gelassen. Ganz im Gegenteil, er atmetete die frische Luft stets so ein, als wäre dies sein erster Atemzug auf dieser Welt. Das Licht der Sonne ließ er über seine Haut wandern, wobei er jede einzelne seiner Zellen diese wundervolle Wärme begrüßen ließ. Und wenn es dunkel wurde, dann zündete er ganz viele Kerzen an, um mit ihrem Schein dem Zauber des Tageslichts zu gedenken.

Jetzt aber war alles anders. Sein bester Freund war nicht mehr da. Jetzt fiel es ihm auf einmal schwer, die Welt auf diese Weise wahrzunehmen. Die Luft schmeckte nicht mehr so frisch und rein, sie wirkte schal und salzig. Die Helligkeit der Sonne schmerzte in seinen gereizten Augen und auch die Freude an ihrer Wärme mochte ihn kaum trösten, wo er doch sein geliebtes Vögelchen so sehr vermißte.

Nachts zündete er nur noch eine Kerze an. Diese stellte er ans Fenster, in der Hoffnung, daß sein Vögelchen deren Schein erblicken würde und so den Weg zurück zu ihm finden könnte. So wartete er jede Nacht, blieb lange voller Hoffnung auf und sammelte seine Tränen in gläsernen Phiolen, da er sich von ihnen nicht trennen wollte, wo er doch schon seinen besten Freund verloren hatte. Wenigstens seine zu Tropfen gewordene Trauer wollte er behalten, wie er sich auch nicht von seinen Erinnerungen an seinen besten Freund trennen konnte. Mehr war ihm von seinem besten Freund nicht geblieben, da konnte er dieses nicht auch noch loslassen.

Wie schön es doch gewesen ist, seit das Vögelchen in sein Leben trat - wie sehr hatte es seine einsame Existenz verändert, ihn aus seiner Abgeschiedenheit herausgerissen. Mit ihm traf er überall nette Menschen, die ihn freundlich anlächelten, obwohl er keinen von ihnen je vorher gesehen hatte. Alle wollten sein Vögelchen sehen. Alle hatten es gern - unser kleiner Mann jedoch hatte es von allen am meisten lieb. Es war schnell sein bester Freund geworden und nichts sollte das je ändern. Dank ihm war alles plötzlich noch viel schöner als je zuvor. Mit einem Mal konnte er seine Welt mit jemanden teilen, die ganze Schönheit seines Reiches konnte er seinem Vögelchen zeigen. Überall ging er mit seinem besten Freund hin, er ließ ihn durch seine Augen blicken - und genauso konnte er alles aus den Augen des Vögelchens sehen, es zeigte auch ihm seine wunderbare Welt.

Wie gut sie sich ergänzten! Jeden Tag standen sie in aller Frühe auf und nahmen die Kamera mit, um alle ihre Blicke genaustens festhalten zu können. Den ganzen Tag liefen sie umher und verknipsten einen Film nach den anderen. Später dann, am Abend, saßen sie zusammen beim Kerzenschein und schauten sich die schönen Bilder an, die sie mit ihren eigenen Augen gesehen hatten. Sie waren so glücklich!

Ach, warum hatte es ihn nur verlassen? Er war doch immer gut zu ihm gewesen. Es hatte es auch immer schön bei ihm. Und doch - auf einmal war es fort.

Wo war es nur hin? Er wußte es nicht. Überall hatte er schon gesucht, jeden Weg, den sie einst gemeinsam gegangen sind, ist er schon abgelaufen, doch das Vögelchen war nicht dort. Tag und Nacht ließ er das Fenster offen, in der Hoffnung, daß sein Vögelchen während seiner Abwesenheit durch das Fenster fliegen und zuhause auf ihn warten würde, wenn er wieder zurückkam. Jeden Abend, wenn er entkräftet von der Suche nach Hause kam, öffnete er mit bangen Herzen die Haustür und spähte in die Wohnung hinein, voller Hoffnung, sein kleiner Freund würde dort sein. Doch jeden Abend war seine Wohnung leer, das Vögelchen war nicht zurückgekommen. Wo war es nur hin?

Ab und zu mußte er daran denken, daß ihm etwas zugestoßen sein könnte. Dann schauderte dem kleinen Mann immer und er mußte sich schütteln. Nein, daran wollte er noch nicht einmal denken, seinem besten Freund konnte einfach nichts zugestoßen sein, das wäre zuviel für ihn! Also klammerte er sich fest an seine Hoffnung, er glaubte fest daran, daß es ihm gut ging. Er würde das Vögelchen schon finden, eines Tages, das wußte er ganz sicher - er glaubte jedenfalls fest daran. Wenn er doch nur wüßte, wo er es finden könnte...

Niemals wäre es dem kleinen Mann in den Sinn gekommen, seine Suche aufzugeben. Schließlich handelte es sich ja nicht um irgendein Vögelchen, es ging hier um seinen besten Freund! Also fing er an, die Leute zu befragen, die er traf. Wo auch immer er jemanden traf, er fragte ihn nach dem Vögelchen, welches er suchte. Aber niemand hatte es gesehen. Überall ging er hin, jeden fragte er, doch die Antwort war immer dieselbe - sein Vögelchen hatte keiner gesehen. Keiner konnte ihm sagen, wo es war.

Schließlich schickte man ihn zu einem weisen Mann, der in einem großen Haus wohnte, welches ganz in Weiß gehalten und von einem weitläufigen Garten umgeben war. Viele waren bei diesem weisen Mann, viele sind gekommen, um seinen Rat zu empfangen, so daß unser kleiner Mann lange warten mußte, bis man ihn endlich vorließ.

Zuerst war ihm etwas komisch zumute, als er dem weisen Mann gegenüberstand, doch der weise Mann erkannte seine Unsicherheit und lächelte ihm freundlich zu, so daß er sich etwas beruhigte. Der kleine Mann atmete tief ein, nahm seinen ganzen Mut zusammen und erzählte ihm von seinem Vögelchen. Wie er es kennengelernt hatte; wie er sein bester Freund wurde; wie er mit ihm durch die ganze Welt zog und wie er es schließlich verlor. Wie auf einmal das Leben für ihn so trist geworden war und wie alle anderen ihm nicht mehr so wie einst freundlich anguckten, sondern einfach weiterliefen. Was er alles getan hatte, um seinen besten Freund wiederzufinden und wie einsam er sich fühlte ohne ihn. All das erzählte er ihm und noch viel mehr.

Der weise Mann hörte die ganze Zeit, während unser kleine Mann von seinem großen Verlust berichtete, aufmerksam zu und schrieb vor sich hin. Nach dem Bericht des kleinen Mannes schwieg er lange, schließlich blickte er von seinen Notizen auf und sprach mit seiner tiefen und beruhigenden Stimme: "Mein Herr, ich weiß gar nicht, warum sie sich so aufregen. Sie haben doch einen Vogel."

Unser kleine Mann war etwas verdutzt und runzelte die Stirn. Er wußte nicht so recht, was er mit dieser Antwort anfangen sollte.

Aber was war das?

Mit einem Mal hellte sich seine Miene auf, nach all der langen Zeit kam ihm wieder ein Lächeln über die Lippen.

Ja! Da war es! Sein kleines Vögelchen! Es guckte ihn freudig an, mitten aus seiner Kamera, die ihm um den Hals baumelte, blickte es zu ihm hoch.

Also, da war es die ganze Zeit gewesen! Wie dumm von mir, dachte sich der kleine Mann und schämte sich, daß er nicht von selbst darauf gekommen war.

Er küßte sein Vögelchen zärtlich und weinte leise eine Träne. Die letzte Träne, doch diesmal fing er sie nicht auf, sondern ließ sie zu Boden fallen, wo sie zu unzähligen kleinen Tröpfchen zerplatzte und mit ihr all sein Kummer und seine Sorgen, die ihm so lange Zeit zu schaffen machten. Er hatte sein kleines Vögelchen wieder! Unser kleiner Mann fiel dem weisen Mann um den Hals und dankte ihm aus tiefsten Herzen.

Von da an lebte unser kleine Mann mit seinem Vögelchen glücklich und zufrieden in dem großen Haus mit dem weisen Mann und vielen weiteren Menschen, denen der weise Mann geholfen hatte, zusammen. Jetzt konnten die beiden besten Freunde endlich wieder ihre Blicke festhalten mit all den schönen Dingen, die sie in dem großen, weißen Haus mit dem großen, schönen Garten gemeinsam sahen.

Und jedem, der es sehen wollte, zeigte unser kleiner Mann seinen besten Freund, sein geliebtes Vögelchen - aber nicht zu lang, denn er wollte nicht riskieren, es wieder zu verlieren. Schließlich wußte er zu schätzen, was für einen wundervollen Freund er hatte.

Nicht jeder von uns hat schließlich einen Vogel, aber wenn er ihn hat, sollte er aufpassen, daß er ihn nicht verliert. Denn ohne ihn fehlt einfach etwas und die Welt ist nicht mehr so schön und reich wie mit ihm...

(c) kleinertod

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