Der Abgang von Irvine als Synonym für den Neustart beim #FCSP

Gestern überschlugen sich rund um den FCSP die Nachrichten und noch viel mehr die Emotionen. Nach 5 langen und ereignisreichen Jahren wurde der Wechsel des bisherigen Kapitäns Jackson Irvine nach Japan zu Cerezo Osaka in die J League vermeldet. Ein Abgang, der sich sowohl abgezeichnet hatte, offene Wunden hinterläßt und gleichzeitig wie die beste Lösung für alle Beteiligten wirkt.

Beginnen wir mal mit dem Ende. Der Wechsel ist für den Spieler und den Verein eine echte win win Situation. Japan ist nicht nur aus sportlicher Sicht ein spannendes Land. Kleiner Exkurs zu Japan: zumindest in meinen Augen gibt es wenige Orte, die ich persönlich vorziehen würde, auch wenn Hamburg beispielsweise ganz weit oben steht. Osaka selbst gefällt mir jetzt auch eher weniger, aber in der Nähe ist es wunderschön und mensch kann leicht und einfach dorthin kommen. Persönlicher Exkurs Ende.

Den von Irvine gewählten Verein kenne ich nicht, da ich die J League auch nie verfolgt habe. Aber dort könnte er eine stärkere Rolle spielen als voraussichtlich bei uns. Zudem auch ohne Vorbelastung aufgrund der hier aufgetretenen Differenzen. Der Weg nach Australien ist weitaus kürzer als von Deutschland aus und es gibt dementsprechend mehr Landsleute und von denen eröffnete Geschäfte dort als hierzulande. Zudem ist es anstelle eines auslaufenden Jahresvertrages ein neuer Vertrag und das in einem derart hohen Alter von 33 Jahren.

Auch der FCSP profitiert von dem klaren Schnitt. Im Verein war Irvine nach dem Ende der letzten Saison ein großes Fragezeichen. Sein Vertrag lief noch ein weiteres Jahr, er wollte diesen erfüllen und es stellte sich neben vielem Anderen die Frage, ob der Verein mit ihm in die neue Spielzeit gehen sollte. Erforderlich war nach dem Abstieg aus der 1. Bundesliega ein Neuanfang, wichtige Spieler sind gegangen, was unter dem Strich eine grundsätzliche Neubesetzung und Ausrichtung in allen Manschaftsteilen erfordert. Sowohl im Tor als auch in der Innen- und Außenverteidigung, im defensiven und offensiven Mittelfeld sowie im Sturm und an der Seitenlinie mit dem Trainerwechsel, alles muß in dieser 2. Bundesliga neu er- bzw. gefunden werden. Dabei wird zwar viel auf vorhandenes Personal vertraut, aber dieser Neustart braucht auch eben jene völlige Neuausrichtung, wobei gerade die alte, auf jeden Fall in dem Alter nicht mehr lange beim Verein verweilende Führungskraft dieses behindern könnte. Wir können nun einen neuen Kapitän und neue Antreiber im team finden.

Wir wissen nicht um die wirtschaftlichen Details des Transfers, ob wir nun eine Ablöse erhalten haben oder gar einen Teil seines Gehaltes für den Abgang übernehmen mußten. Da er einer der Topverdiener bei uns gewesen sein dürfte, wäre eine Einsparung seines Gehalts sicherlich schon ein Gewinn und würde neue Spielräume für den Sportchef eröffnen. Gerade im Mittelfeld wird sich zeigen müssen, wie die Kampfkraft und die spielerische Qualität der nicht mehr im Verein befindlichen Spieler aufgefangen werden wird. Bis zum Ende der Transferperiode haben wir keine Gewissheit, welche Spieler wir dafür haben werden – aber wir haben nun voraussichtlich mehr finanzielle Möglichkeiten, etwaige Lücken zu stopfen.

Was für Lücken genau zu stopfen sind, ist aber auch eine größere Frage als es ein nostalgischer Rückblick beantworten könnte. Die Qualität von Spielern verändert sich mit den Jahren, sie können besser werden oder auch abbauen. Irvine ist hier keine Ausnahme, auch wenn sein aktueller Wert für eine Mannschaft in der nahen Zukunft schwer abzuschätzen ist. Sportlich hat er letzte Saison wenig zeigen können, war aber auch lange verletzt und hat wohl bei der WM, von der ich nichts gesehen habe, was bewirkt. Mag sein, daß er wieder zur alten Torgefahr und Wirkungsmacht auf dem Platz zurückfinden wird – es könnte aber auch zu einem weiteren Rückschritt kommen und weiteren Ausfällen. Hier kann wie immer nur spekuliert werden. Einen Spielertyp wie ihn haben wir aktuell aber nicht im Mittelfeld. Gebrauchen könnten wir so einen Typ aber sicherlich, weswegen Bornemann hier womöglich nochmal tätig werden könnte.

Aber da waren noch andere Dinge. Differenzen. Risse, die entstanden sind. Ob nun beim Thema Antisemitismus oder auch im Umgang mit Verträgen und Menschen im Verein. Die Ansichten, wer hier an welchem Teil welche Schuld trägt, sind enorm unterschiedlich und stehen sich weit über den heutigen Tag unversöhnlich gegenüber. Viele sind sich dabei sicher, daß allein ihre Position die einzig Richtige sei und alle anderen vollkommen falsch liegen.

Ja, es ist richtig und wichtig, Position zu beziehen. Aber die Welt ist komplex, zu komplex, um sie jederzeit abschließend und umfassend zu begreifen. Es wird auch immer darum gehen, sich neuen Erkenntnissen und Puzzleteilen gegenüber offen zu zeigen. Wir werden den Israel-Palästina-Konflikt nicht von hier aus mit einer persönlichen Meinung ändern, aber wir können für die Menschen sein, dort vor Ort und überall, für alle, nicht nur für einen Teil. Solange Letzteres die Grundlage bleibt, können wir nach Gemeinsamkeiten suchen. Diese Hoffnung will ich insgesamt noch nicht aufgeben – was nicht heißt, daß ich das naiv bei Allen für möglich halten würde. Zumindest dieses Thema wird noch lange auch bei uns aktuell bleiben und mit dem Wechsel von Irvine nicht weggehen. Womöglich aber die Fixierung darauf.

Irvine wird in jedem Fall eine riesige Lücke hinterlassen. Seine lackierten Nägel und seine offene Unterstützung der LGBTQIA+ Community werden nicht nur mir enorm fehlen. Er hat hier eine Sichtbarkeit für das Abweichen von Normen geschaffen, die gerade beim FCSP hoch willkommen war. Wir brauchen solche Menschen. Wenn sie dazu noch Spieler und bei unserem Verein sind, dann ist das einfach großartig. Dieser Teil wird uns fehlen.

Was bleibt, das sind wir. Das ist der Verein. Das ist die Fanszene. Mit allem, was dazu gehört. Und einer Chance, mit frischer Energie in die neue Spielzeit aufzubrechen. Darauf freue ich mich. Forza St. Pauli!