Ein ohrenbetäubender Gänsehautauftritt am Millerntor – der #FCSP bezwingt Holstein Kiel

Die Hitzeschlacht zeichnete sich schon vorab durch extreme Spätsommertemperaturen jenseits der 30 Grad ab, daß es dabei zu so einer wunderbaren Nacht werden würde, das war angesichts des Termins am Montag und der aktuellen Verfassung unserer bislang sieglosen Mannschaft nicht wirklich zu erwarten. Doch weniger der immens wichtige Dreier war das erinnerungswürdige an diesem Abend, es war die Atmosphäre im Stadion, die unfaßbar lauten Kurven, manche bezeichneten es gar als die Rückkehr des Millerntor-ROARs, wie auch immer: es war unglaublich laut. Und voller Kraft wurden unsere Spieler, die zum Ende nicht mehr auf dem Zahnfleisch auch nur kriechen konnten, doch noch ins Ziel getragen. Einfach ein Erlebnis – über das ich aufgrund des furchtbaren Wochentermins erst jetzt zum bloggen komme.

Vorab war durch die Leihen von James Lawrence und Matt Penney noch Bewegung in den Kader gekommen, der sonst angesichts all der Ausfälle fast schon wie von selbst aufzustellen schien. Nun waren etliche Möglichkeiten für unseren Trainer vorhanden und die nutzte er auch auf die ihm typische Art – mit Überraschungen.

Manchmal könnte mensch ja den Eindruck gewinnen, daß Luhukay vor jeder Partie die Spieler Streichhölzer ziehen läßt und der jenige, der das kurze Teil abbekommt, der muß auf einer gänzlich ungewohnten Position spielen… Was auch immer die Hintergründe waren – auf jeden Fall war es erfolgreich.

Die Vorzeichen waren ja alles andere als gut vor dem Spiel – auf einem direkten Abstiegsplatz stehend nach drei sieglosen Ligaspielen und einer enormen Verletztenliste schien dieses letzte Heimspiel vor dem Derby gegen momentan unschlagbare wirkende Vorstädter nicht gerade wie der Beginn einer positiven Serie zu werden.

Aber das Auftreten in den sieglosen Spielen zuvor war wahrlich nicht so schlecht, als daß Panik angebracht gewesen wäre. Und auch die tabellarische Situation sagt in dieser frühen Phase der Saison fast nichts aus – mit einem Erfolg an diesem Tag war ja auch ein kleiner Schritt nach vorne möglich, bei weiteren Erfolgen in den nächsten Spielen sähe es dann sogar nicht mehr nach einem Fehlstart aus.

Die Neuzugänge, von denen zwei schon an diesem Spieltag dabei waren und auch in der Startelf standen, halfen sowieso mit, das Gesamtbild zu verändern. Gerade Lawrence wirkte wie eine dringend benötige und immense Verstärkung in der IV, was zudem unseren besser im Mittelfeld aufgehobenen Knoll seine Aufstellungsverschiebung ermöglichte.

Lediglich die bereits in den Spielen davor klar erkennbaren Konditionsmängel sind nach wie vor ein Problem und führten am Ende fast zu einem erneuten Einbruch und Verlust der zuvor erkämpften Punkte – doch im Gegensatz zu vorherigen Auftritten in dieser Saison ging es ja am Ende mit dem 2-1 gut für uns aus.

Auch die Kieler sind nicht so gut wie in der letzten Saison, weder von ihrem bisherigen Abschneiden in der Liga noch von ihrem spielerischen Auftreten. Die ganzen Aderlässe in der Sommerpause, die dort schon üblich zu sein scheinen, machen sich in dieser Spielzeit offensichtlich stärker bemerkbar als zuvor. Andererseits haben sie mit Schubert und Boll zwei starke Ex-St. Paulianer an der Seitenlinie, die wissen, wie nicht nur am Millerntor zu bestehen ist – und dazu allein mit ihrer unfaßbar guten Nummer 17 einen Spieler, der nicht in diese Liga gehört und der über die ganzen 90 Minuten nicht in den Griff zu bekommen war. Die können was und werden das auch noch zeigen.

Gleiches gilt aber auch für unsere Neuzugänge. Ohne besondere Spielpraxis in letzter Zeit ist ein ehemaliger Zögling von Luhukay auch bei uns recht positiv aufgefallen – trotz eines gebrauchten Spiels bei seinem ersten Auftritt. Viele gute Aktionen und ein starker Einsatz wurden durch fast ebenso viele Fehlpässe wieder zunichte gemacht, was aber gerade im Mittelfeld auf die fehlende Eingespieltheit mit der Mannschaft zurückzuführen ist und in Zukunft noch besser zu erwarten ist. Seine Gelb-Rote Karte in der Nachspielzeit wegen Spielverzögerung durch Ballwegschlagen war nach einer Sichtweise unnötig, nach einer anderen allerdings clever und vielleicht der Garant für den Erfolg an diesem Tag, hatte das doch letztendlich einige Zeit von der Uhr genommen, als unsere ganze Manschaft stehend KO nur noch nach hinten zu verteidigen versuchte und der Ausgleich in der Luft lag. Unter dem Strich kein so schlechter Einstand wie ich meine.

Ein nahezu optimals erstes Spiel hingegen hat Lawrence am Millerntor abgeliefert. Nicht nur, daß er so abgebrüht spielte, als wäre er schon ewig bei uns, er machte vorne bei einer Ecke auch mit vollem Einsatz – und dank des zu zurückhaltenden Gästekeepers – das wichtige 1-0. Nicht umsonst stand er in der Kickerelf des Tages. Nur schade, daß er mit dem militärischen Gruß, sei es noch so sehr ein Andenken an ein verstorbenes Familienmitglied, sich hier nicht ganz optimal eingeführt hatte. Aber auch das könnte er ja noch lernen nach entsprechendem feedback, so etwas wird hier nicht so gut angekommen wie anderswo. Das war jetzt aber auch nur ein minimales Abweichen vom perfekten Einstand, dem gerne noch weitere so starke Auftritte folgen dürfen. Genau die Verstärkung, die wir aktuell da hinten benötigt haben!

Daß der Montag demnächst abgeschafft wird, ist ja aus Fansicht längst überfällig, daß es uns in dieser Spielzeit so oft an diesem Tag erwischt ist alles andere als positiv. Auch wenn so ein Flutlichtspiel ja schön ist, aber nicht an einem Montag. Dieses Zerstückeln des Spieltags gehört endlich abgeschafft, das hat ja mit einem „Tag“ nichts mehr gemein.

Auf dem Rasen ging es die ganze Zeit über heiß her, da hätte die Bewässerung wohl aus Sicht der Spieler auch gerne mal während der Unterbrechungen angestellt werden dürfen… In der ersten Hälfte ragte hinten Schnecke für mich heraus, der das Kunststück vollbrachte, den stärksten Gästespieler weitesgehend aus dem Spiel zu nehmen. Leider machte seine gelbe Karte es offensichtlich nötg, ihn in der Pause auszuwechseln, was dann letztendlich auch zu dem Treffer von Baku, eben jener Nummer 17, in der zweiten Hälfte führen sollte.

Einen ganz besonders guten Tag erwischte natürlich unser Torhüter, ohne den das Spiel nie so gut für uns ausgegangen wäre. Was Himmelmann da alles für großartige Paraden ablieferte, das machte deutlich, wie wichtig er da hinten für uns ist.

Auch Mats zeigte ein tolles Spiel und drehte wieder auf, daß es eine Freude war. Ebenso Becker und Contehs, der sich mit dem letztlich entscheidenden zweiten Treffer auch noch selbst belohnen konnte.

Die mit Abstand aber wichtigste Komponente an diesem Tag, das waren die Zuschauenden auf den Rängen. Mit was für einer Lautstärke und mit was für einer Kraft die Spieler da auf dem Rasen hochgepeitscht und voran getrieben wurden, das war als solches ein Erlebnis.

Vor allem dieser gar nicht enden wollende Wechselgesang zwischen Süd und Gegengeraden, den ich in dieser Laustärke und Länge noch nie erlebt habe, und der dann auch noch zur Krönung von dem tollen Konter und dem Tor von Conteh nach einem seiner unnahcahmlichen schnellen Läufe und perfektem Abschluß führen sollte. Der anschließende Torjubel schien noch nicht einmal lauter als die Rufe davor. Es war ein Gänsehautmoment, wie er schon lange nicht mehr hier zu erleben war.

Die letzten Minuten hätten auch ein anderes Ergebnis bringen können, aber das Glück und die Leidenschaft an diesem Tag brachten das Ergebnis über die Bühne.

Dieses 2-1 war in jeder Hinsicht wichtig für uns, denn je länger auf einem Abstiegsplatz da unten verharrt wird, um so gewichtiger sind die Auswirkungen in der Psyche. Warum es auch dringend in Dresden nachzulegen gilt, da beim Derby danach nicht wirklich mit Punkten zu rechnen sein dürfte.

Andererseits ist das Millerntor auch immer für einen besonderen Moment gut. Warten wir es ab. Und genießen einfach diesen Nachrausch…

Mehr zum Spiel:
https://www.stefangroenveld.de/2019/lauthals-zum-sieg/
http://millernton.de/2019/08/27/saaaangt-pow-leeehee/
https://www.magischerfc.de/2019/08/entladungen-in-der-kabine/
https://fcspsouthendscum.wordpress.com/2019/08/28/matchday-04-fc-sankt-pauli-vs-holstein-kiel-2-1/
sowie
https://www.calcio-culinaria.de/holstein/spielberichte-ab-juli-2019/1853-fu%C3%9Fball-club-st-pauli-vs-kieler-sportvereinigung-holstein-2019-2020.html